Inkohärenz: Wenn man will, aber nicht kann

Inkohärenz entsteht, wenn Aussen und Innen nicht im Einklang sind. Wenn das, was wir wollen und als richtig erachten, nicht mit dem übereinstimmt, was uns passiert. Wenn es einfach nicht passt. Für das Gehirn ist dieser Zustand sehr anstrengend, und es versucht, Energie zu sparen, indem es Veränderung blockiert. Dann willst du zwar, aber du kannst nicht.

Wenn ich mir die Podcasts und Videos mancher charismatischer Motivations-Coaches zu Gemüte führe, gewinne ich den Eindruck, es müsse mir in jedem Zustand möglich sein, mich allein mit Willenskraft aus der Asche zu erheben und Höchstleistungen zu erbringen. Ich müsse nur wollen. Meinen inneren Schweinehund bezwingen und endlich in die Hufe kommen.

Aber stimmt das wirklich? Oder gibt es Situationen, in denen das schlicht nicht mehr geht, weil die innere Kraft dafür fehlt?

Ich kenne dieses Gefühl, und vielleicht kennst du es auch: Ich weiss, was ich ändern sollte. Ich will es wirklich! Aber ich komme nicht ins Handeln. Ich will, aber ich kann einfach nicht.

Darüber, wie sich Gewohnheiten bilden, habe ich schon an anderer Stelle geschrieben. Und auch darüber, wie beispielsweise eine Depression den Körper in die Immobilisierung führt, was man als Schutzreaktion des Nervensystems betrachten kann.

Man muss aber keine klinische Depression oder einen handfesten Erschöpfungszustand haben, um diesen Zustand zu erleben: dass man will, aber nicht kann.

Inkohärenz als innerer Energiefresser

Die Rede ist von Inkohärenz im Gehirn. Inkohärenz entsteht dann, wenn Aussen und Innen nicht zusammenpassen. Wenn das, was wir wollen und für richtig halten, nicht mit dem übereinstimmt, was wir erleben. Wenn wir innerlich wissen, was uns guttut – und gleichzeitig in einer Situation feststecken, die dazu nicht passt. Daraus entsteht eine dauerhafte innere Spannung.

Aus neurobiologischer Sicht bedeutet das: Verschiedene neuronale Netzwerke verfolgen widersprüchliche Ziele. Motivationssysteme, Stresssysteme, Bewertungs- und Kontrollsysteme arbeiten nicht mehr in einem gemeinsamen Muster. Das Gehirn muss permanent regulieren, hemmen, bewerten und kompensieren.

Dieses innere Durcheinander verbraucht sehr viel Energie.

Unser Gehirn ist auf Energiesparen programmiert

Eine wichtige Grundlage dafür ist ein sehr grundlegendes Prinzip aus der Biologie und Physik: Lebende Systeme tendieren dazu, ihre Funktionen mit möglichst geringem Energieaufwand aufrechtzuerhalten.

Dafür gibt es gute Gründe: Organismen müssen ihre begrenzte Energie möglichst effizient einsetzen. Das gilt auch für unser Gehirn.

Schon im Ruhezustand verbraucht das menschliche Gehirn rund 20 Prozent der gesamten Körperenergie. Sobald wir komplex denken, Entscheidungen treffen, innere Konflikte verarbeiten oder Veränderung planen, steigt dieser Energiebedarf weiter an. Das Gehirn ist daher permanent damit beschäftigt, Aufwand zu minimieren.

Kohärenz entsteht dann, wenn das Gehirn für eine Situation ein stimmiges inneres Modell findet. Wenn es eine Erklärung, eine Lösung oder eine neue Ordnung herstellen kann. Dann sinkt die innere Spannung, Netzwerke arbeiten besser aufeinander abgestimmt, der subjektive Eindruck ist: Es passt wieder. Dieses Erleben geht oft mit einer Aktivierung von Belohnungs- und Motivationssystemen einher.

Gelingt diese innere Neuordnung jedoch nicht, bleibt das System in einem Zustand hoher innerer Belastung. Und hier kommt ein entscheidender Punkt: Wenn du in deinem Leben etwas wirklich verändern willst, bedeutet das für dein Gehirn zunächst mehr Unsicherheit, mehr Aufwand und mehr Unbekanntes.

Aus Sicht des Gehirns ist die einfachste Lösung daher oft: Wir machen so weiter wie bisher. Auch dann, wenn dieses «Bisher» unzufrieden macht.

Warum alte Muster so stabil sind

Das Gehirn greift bevorzugt auf bekannte Verschaltungen zurück. Je häufiger bestimmte Verhaltensweisen, Gedanken und Reaktionen aktiviert werden, desto stabiler werden diese neuronalen Muster. Man könnte auch sagen: Das Gehirn benutzt immer wieder dieselben Verschaltungsmuster.

Neue Handlungsweisen benötigen neue Verschaltungen. Diese sind am Anfang instabil, langsamer und fehleranfälliger. Für das Gehirn fühlt sich das anstrengend an. Und so kommt es, dass uns Veränderung in belastenden Lebensphasen oft nicht gelingt und wir uns immer wieder gleich verhalten, obwohl wir gar nicht wollen. Unser Regulationssystem ist auf Sicherheit und Energiesparen ausgerichtet.

Alkohol, Drogen und scheinbare Kohärenz

Interessanterweise kann sich ein subjektives Gefühl von innerer Kohärenz auch dann einstellen, wenn man innere Spannungen chemisch glättet. Alkohol oder andere Substanzen reduzieren vorübergehend die Aktivität von Kontroll- und Bewertungssystemen. Innere Konflikte werden weniger deutlich wahrgenommen. Das Gehirn erlebt kurzfristig Entlastung. Der Konsum solcher Substanzen ist somit nicht das Problem, sondern die Lösung für ein anderes Problem.

Was sich dann wie Kohärenz anfühlt, ist in Wirklichkeit das Resultat gedämpfter Kontroll- und Konfliktverarbeitung und eine Reduktion bewusster Selbstwahrnehmung. Dem Gehirn ist es einerlei: Hauptsache, es herrscht Ruhe im Kopf – und damit weniger Energieverbrauch. Müssig zu erwähnen, dass diese Form der Regulierung nicht besonders nachhaltig und daher nicht zu empfehlen ist.

Was dem Gehirn wirklich hilft, sich auf Veränderung einzulassen

Warum Willenskraft allein oft nicht ausreicht, um eine Veränderung herbeizuführen, habe ich schon anderswo beschrieben. Die Frage lautet also nicht: Wie zwinge ich mich endlich? Sondern: Wie entsteht wieder ausreichend innere Stimmigkeit und Sicherheit?

Kurzfristige Ziele wie Abschlüsse, Projekte oder finanzielle Vorhaben können motivierend wirken. Aber sie tragen meist nur begrenzt, und nachdem das Ziel erreicht ist, entsteht oft erneut Leere.

Langfristig wirksam wird Veränderung vor allem dann, wenn sie auf einer inneren Ausrichtung basiert. Zu diesem Zweck kannst du dir zwei einfache Fragen stellen:

  • Was will ich für ein Mensch sein?
  • Wozu will ich dieses Leben nutzen?

Aus diesen Fragen entwickeln sich persönliche Werte und eine eigene Haltung dem Leben gegenüber. Je mehr dein tatsächliches Leben mit dieser inneren Ausrichtung übereinstimmt, desto weniger innere Inkohärenz entsteht. Und desto stabiler wird auch das Gefühl von innerer Ruhe, Sinnhaftigkeit und Energie.

Blenden wir noch einmal zurück zu den charismatischen Motivations-Coaches. Viele Selbsthilfekonzepte berücksichtigen nicht, dass das Nervensystem Veränderung als sicher erleben muss, bevor es sich darauf einlässt.

Ohne ausreichende Regulation, ohne emotionale Stabilisierung und ohne realistische Rahmenbedingungen bleibt jede Vision kognitiv – aber biologisch nicht anschlussfähig. Da kannst du noch so viele Vision-Boards an der Wand hängen haben und Affirmationen flüstern. Es wird nicht funktionieren.

Erst wenn das Nervensystem aus dem dauerhaften Alarm- oder Rückzugsmodus herausfindet, kann das Gehirn beginnen, neue Muster wirklich zu integrieren.

Wie neurosomatisches Coaching hilft

Im neurosomatischen Coaching arbeite ich nicht primär mit Selbstoptimierungsstrategien, sondern mit der Regulation deines Nervensystems, deinen inneren Schutzmustern und den realen Belastungen in deinem Alltag.

Gemeinsam schauen wir, was dein System aktuell überfordert, wo innere Inkohärenz entsteht und welche kleinen, biologisch machbaren Schritte dein Gehirn überhaupt zulässt. So entsteht Veränderung in Zusammenarbeit mit deinem Nervensystem – nachhaltig und im richtigen Mass.

Mehr dazu

Gewohnheiten verändern: Wie es wirklich funktioniert, Artikel hier im Blog
Depression aus Sicht der Polyvagal-Theorie, Artikel hier im Blog
Intention Drift: Warum wir uns leicht ablenken lassen – und was dagegen hilft, Artikel hier im Blog

Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther über Inkohärenz, Video 12.02 Min.

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