Optic Flow: Warum Spazieren das Nervensystem beruhigt

Unser Nervensystem ist dafür gemacht, sich durch reale Räume zu bewegen. Dabei entsteht «Optic Flow» – und das erklärt, warum Spazierengehen oft mehr bewirkt als jede Entspannungsübung im Sitzen.

Wenn ich den Kopf freibekommen will, gehe ich spazieren, vorzugsweise im Wald. Lange Zeit dachte ich, das Wohltuende daran sei die frische Luft und die Bewegung. Und der Wald natürlich. Nicht umsonst hat Shinrin-Yoku, Waldbaden, in Japan eine lange Tradition.

Dann stiess ich auf einen Podcast des Neurobiologen Andrew Huberman zum Thema Optic Flow, und seither weiss ich definitiv, dass Spazieren eine gute Sache ist, und zwar nicht nur für mich.

Was ist Optic Flow?

Optic Flow bezeichnet das Bewegungsmuster auf deiner Netzhaut, wenn du dich selbst durch den Raum bewegst.

Während du gehst, verschiebt sich die gesamte visuelle Szene gleichmässig an dir vorbei. Alles scheint von einem Punkt vor dir nach aussen zu strömen. Dein Gehirn erkennt daraus nicht nur, dass du dich bewegst, sondern auch wie schnell, in welche Richtung und ob diese Bewegung stabil und kontrolliert ist.

Wichtig ist dabei: Es geht nicht darum, etwas Bewegtes anzuschauen. Es geht darum, dass du dich selbst bewegst und die Welt sich relativ zu dir verändert. Eine wichtige Rolle spielt dabei das vestibuläre System.

Das vestibuläre System registriert, wie dein Körper sich bewegt

Du kannst dir das vestibuläre System wie einen eingebauten Bewegungssensor in deinem Kopf vorstellen. Es sitzt im Innenohr und merkt ständig, ob du dich nach vorne bewegst, den Kopf drehst, stehen bleibst oder schneller wirst.

Wenn du spazieren gehst, meldet dieses System deinem Gehirn ganz ruhig und gleichmässig: Ich bewege mich vorwärts, mein Kopf schwingt leicht mit, alles ist stabil. Gleichzeitig sehen deine Augen, wie sich die Umgebung ruhig an dir vorbeischiebt.

Für dein Gehirn ist das wie ein Abgleich zweier Messgeräte, die dasselbe anzeigen. Genau diese Übereinstimmung vermittelt Sicherheit. Dein Nervensystem merkt: Das, was ich sehe, passt zu dem, was ich körperlich spüre. Es gibt keinen Widerspruch, keine Überraschung, keine unklare Lage. Deshalb wirkt gleichmässiges Gehen so oft ordnend und beruhigend auf das innere Alarmsystem.

Gleichmässige Bewegung signalisiert dem Gehirn Sicherheit

Viele Menschen verbringen einen Grossteil ihrer wachen Zeit sitzend. Schon von den Kindern wird verlangt, dass sie in der Schule stillsitzen und nicht herumzappeln oder aufstehen. (Diejenigen, die es doch tun, gelten schnell einmal als auffällig und stören den Unterricht.)

Unser Nervensystem ist aber nicht dafür gemacht, hauptsächlich still zu sitzen und Informationen aus Bildschirmen zu verarbeiten. Es ist dafür gemacht, sich durch reale Räume zu bewegen.

Wenn du gehst, laufen mehrere Sinneskanäle gleichzeitig zusammen. Dein Gehirn vergleicht diese Signale permanent miteinander. Stimmen sie überein, entsteht Vorhersagbarkeit. Und Vorhersagbarkeit ist der wichtigste Sicherheitsfaktor für dein Nervensystem.

Neurobiologisch passiert folgendes: Das Gehirn baut aus Sehen, Gleichgewicht und Körpergefühl ein inneres Modell deiner Bewegung. Solange dieses Modell stabil ist, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass dein Gehirn Bedrohung annimmt. Die Aktivierung der Amygdala, unserer Alarmzentrale, wird indirekt reduziert.

Beim Optic Flow geht es also nicht nur darum, was wir sehen. Er ist gekoppelt an vestibuläre Informationen über Gleichgewicht und Beschleunigung, Körperlage und Orientierung im Raum. Das Gehirn beantwortet damit ununterbrochen eine sehr grundlegende Frage, nämlich: Bewege ich mich sicher und kohärent durch meine Umwelt?

Der evolutionäre Hintergrund

Menschen waren über Hunderttausende von Jahren zu Fuss unterwegs. Bewegung war der Normalzustand. Optic Flow ist ein direktes Produkt dieser Geschichte. Unser Gehirn ist darauf spezialisiert, Eigenbewegung zuverlässig zu erkennen.

Gleichmäßiges, selbst gesteuertes Gehen erzeugt sensorische Ordnung. Und Ordnung bedeutet für das Nervensystem: geringe Gefahr. Darum wirkt rhythmisches Gehen regulierend.

Warum Wandern so beliebt ist – und so gesund

Beim Wandern entsteht ein besonders ruhiger visueller Fluss. Grosse, übersichtliche Bewegungsfelder und gleichmässiges Tempo machen es für das Gehirn leicht, Vorhersagen zu treffen.

Wir hier in der Schweiz gelten als ausgesprochen wanderfreudig und verbringen im internationalen Vergleich viel Zeit zu Fuss in der Natur. Vielleicht liegt das nicht nur an der schönen Landschaft und der imposanten Bergwelt, sondern auch daran, dass diese Form der Fortbewegung unserem Nervensystem genau das liefert, was es braucht: ruhige, gut strukturierte Bewegung im Raum, die Orientierung, Sicherheit und innere Ordnung unterstützt.

Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass es keine Daten gibt, die belegen, dass Schweizerinnen und Schweizer deswegen psychisch gesünder sind als weniger wanderfreudige Nationen, aber es kann auf jeden Fall nicht schaden, denn:

Optic Flow wirkt auf einer sehr frühen Verarbeitungsebene im Gehirn und ist deshalb effektiver als viele andere Entspannungstechniken, bei denen man liegt oder sitzt.

Wichtig dabei: Neurobiologisch entscheidend sind Gleichmässigkeit und Kontrollierbarkeit, nicht Bewegung an sich. Zu schnelle, chaotische visuelle Eindrücke können das Nervensystem auch belasten. Deshalb sind Spaziergänge in der Natur in der Regel entspannender als das Gehen in einer Stadt mit viel Verkehr und vielen Menschen, wo man permanent aufpassen muss, dass man nicht überfahren wird oder jemanden anrempelt.

Die traumainformierte Perspektive: Optic Flow schafft wieder Handlungsspielraum

Bei vielen Menschen in chronischer Übererregung oder in Freeze-nahen Zuständen ist die Eigenbewegung reduziert, der Blick eher starr und der Raum visuell «eingefroren». Das visuelle System liefert dann auch weniger kontinuierliche Flussinformation.

Wenn der Körper aber wieder sanfte, selbst gesteuerte Bewegung aufnimmt, kann auch der visuelle Fluss langsam zurückkehren. Optic Flow wird damit zu einer vorsichtigen Einladung an das Nervensystem, aus Schutzstarre in orientierte Gegenwärtigkeit zu wechseln. Der Körper erlebt dabei zuerst Sicherheit und erst daraus kann sich wieder Handlungsspielraum entwickeln.

Die sensorische Rückmeldung lautet: Ich bewege mich sicher durch die Welt.

Merke also: Spazierengehen ist ein direkter Zugang zu Sicherheit im Nervensystem. Dein Gehirn lernt dabei: Ich bewege mich sicher durch meine Welt. Meine Sinneseindrücke passen zusammen. Daraus entsteht Regulation.

Mehr dazu

  • Optischer Fluss, Beitrag auf der Website des Max-Planck-Instituts
  • Neurobiologe Andrew Huberman über Optic Flow und EMDR (Video, englisch, 3.56 Min.)

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