Extremsportler/innen begeben sich freiwillig in Lebensgefahr. Was auf den ersten Blick nach Selbstbestimmung und Mut klingt, wirft bei genauerem Hinsehen unbequeme Fragen auf: Was genau wird hier gesucht – und wovor wird geflüchtet? Und warum werden uns Extremsportler/innen als Vorbilder präsentiert?
Der folgende Text bezieht sich nicht auf konkrete Personen oder Einzelfälle. Ich respektiere das Recht jedes Menschen, mit seinem Leben zu tun, was er oder sie für richtig hält. Aber ich halte es für fragwürdig, dass uns Menschen, die Extremsport betreiben, häufig als Vorbilder präsentiert werden. Klar: Sie sind bereit, ihre Komfortzone zu verlassen, überwinden ihren inneren Schweinehund, handeln konsequent und halten durch, auch wenn es schwierig ist. Aber was ist mit dem Risiko? Was ist daran vorbildlich, wenn ein (oft noch junger) Mensch freiwillig und ohne Not sein Leben aufs Spiel setzt?
Das Steinzeit-Hirn im modernen Alltag
Wenn Extremsportler/innen, interviewt werden, hört man Aussagen wie: «Ich brauche den Kick, um mich lebendig zu fühlen», oder: «Ich liebe die Freiheit über alles.» Dabei stellt sich mir die Frage: Warum müssen Menschen an ihre körperlichen und psychischen Grenzen gehen, um sich lebendig zu fühlen? Warum riskieren Menschen freiwillig ihre Gesundheit und ihr Leben, ohne dass irgendjemand davon einen Nutzen hat? Und warum feiern Medien dieses Verhalten unkritisch als Heldentum?
Unser Gehirn ist noch weitgehend auf die Steinzeit gepolt: Es liebt Jagd, Gefahr, Lösung von Problemen, Körperintelligenz. Unser modernes Leben bietet hingegen Überfluss, Sicherheit und Routine. Das ist zwar einigermassen sicher, aber nicht stimulierend genug für viele Nervensysteme.
Dopamin, Adrenalin & Co.
Was neurobiologisch passiert, wenn jemand einen schwierigen Berg besteigt oder sich mit dem Wingsuit in eine Felsspalte stürzt, ist gut erforscht. Es geht um Neurotransmitter wie Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin. Der Körper schaltet in den Überlebensmodus: Herzschlag, Fokus, Muskelspannung steigen. Das Nervensystem reguliert sich aus dem Alltagstonus heraus in einen Zustand maximaler Wachheit. Für viele wirkt das wie ein Rausch. Manche werden abhängig davon.
Sinnbildlich könnte man sagen: Das System holt sich, was es im Alltag nicht bekommt. In einer durchstrukturieren, kognitiv dominanten Welt ohne echte Gefahr fehlt dem Nervensystem der Reiz, für den es eigentlich gebaut ist: Mobilisierung, Reaktion, Selbstwirksamkeit. Extremsport wird zur künstlichen Reizquelle – wie eine Droge, aber mit gesellschaftlichem Applaus. Und ebenso wie beim Drogenkonsum ist das Schadenrisiko beträchtlich.
Gesundheitliche Risiken des Höhenbergsteigens
Reinhold Messner schätzte einmal, dass «zwischen 30 und 50 Prozent der Extrembergsteiger beim Bergsteigen sterben». Auch ohne tödliche Unfälle ist Extrembergsteigen alles andere als gesund:
- Der wiederholte Aufenthalt in grosser Höhe kann aufgrund von Sauerstoffmangel zu dauerhaften Schäden an Gehirn und Organen führen.
- Die extreme körperliche Belastung schwächt das Immunsystem, fördert Entzündungsprozesse und erhöht langfristig das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
- Viele Höhenbergsteiger/innen kämpfen mit chronischer Erschöpfung, Stoffwechselproblemen oder posttraumatischen Symptomen.
Was ist überhaupt erstrebenswert daran, sich ohne Not in Lebensgefahr zu begeben? Welche Konsequenzen zieht das nach sich? Nicht nur das eigene Leben steht auf dem Spiel: Auch riskante Rettungsaktionen, trauernde und traumatisierte Angehörige sowie hohe gesellschaftliche Kosten sind Teil der Realität, über die kaum jemand spricht.
Extremsport als Symptom einer erschöpften Gesellschaft
Der Zukunfts- und Freizeitforscher Horst W. Opaschowski prägte bereits vor Jahren den Begriff der Sicherheitsverwahrlosung. In einer Gesellschaft, die alles kontrollierbar, sicher und vorgeplant macht, entsteht paradoxerweise ein Mangel an echter Erfahrung. Der Mensch wird zwar geschützt, aber auch entmündigt. Um sich selbst zu spüren, sucht er das Risiko. Extremsport wird zur Gegenbewegung zur Reizarmut des Alltags.
Auch der Sportsoziologe Karl-Heinrich Bette kritisiert die kulturelle Aufladung von Risikosportarten. Er spricht vom Extremsport als Kompensationsbühne: Wer sich in einer von Leistung, Normierung und Entfremdung geprägten Gesellschaft nicht mehr als Individuum fühlt, inszeniert sich im Grenzbereich. Der Körper wird zur Projektionsfläche für Authentizität, Wildheit, Überlegenheit. Einmaliger Schmerz wird für kollektive Bewunderung in Kauf genommen.
Wenn das Chaos Alltag ist: Kontrolle als Ersatzreligion
Viele Extremsportler/innen berichten über ein starkes Kontrollbedürfnis. Der Alltag, sagen sie, sei zu chaotisch, zu unberechenbar, zu fremdbestimmt. Im Hochgebirge hingegen ist alles planbar: Material, Zeitfenster, Route, Wetter, Training. Jede Entscheidung hat unmittelbare Konsequenzen.
Was in der bürgerlichen Welt als «normal» gilt – Kompromisse, soziale Ambiguitäten, Langfristigkeit – wird von manchen als überfordernd erlebt. Der Berg hingegen stellt klare Regeln auf. Wer sie nicht beachtet, stirbt.
In psychologischer Sprache: Der Wunsch nach Kontrolle im Extremen ist oft eine Reaktion auf frühere Erfahrungen von Kontrollverlust. Wer in seiner Biografie Grenzüberschreitungen, Instabilität oder emotionale Ohnmacht erlebt hat, sucht möglicherweise in der extremen Selbststeuerung die Wiederherstellung innerer Ordnung.
Hochleistungssport in jungen Jahren: Glanz mit Schatten
Was passiert, wenn Menschen schon im Jugendalter beginnen, ihren Körper als Leistungsträger zu behandeln? Viele Spitzensportler/innen starten mit zehn, zwölf oder vierzehn Jahren. Disziplin, Zielorientierung, Selbstkontrolle werden zur zweiten Natur. Gleichzeitig bleibt kaum Raum für Regeneration, Selbstzweifel oder psychosoziale Entwicklung.
Psychologisch problematisch ist dabei die Identitätsverschmelzung mit der Leistung: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr gewinne, springe, laufe? Wer Erfolg als junger Mensch erlebt, spürt oft früh, dass Anerkennung an Überwindung gekoppelt ist. Der eigene Körper wird zur Währung in einem System, das Applaus für Schmerz verteilt.
Viele Spitzensportler/innen, die ihre aktive Karriere beenden, berichten von innerer Leere, Orientierungslosigkeit, depressiven Episoden. Manche wenden sich dann dem Extremsport zu – nicht, weil er gesünder wäre, sondern weil er ein ähnliches Muster bedient: Grenzerfahrung statt Innenschau.
Risikobereitschaft wird gefeiert
Die öffentliche Verklärung von Extremsport ist Teil eines grösseren gesellschaftlichen Narrativs. Die Medien feiern, was spektakulär, mutig, bildgewaltig ist. Risikobereitschaft gilt als Tugend. Wer jung stirbt, wird nicht selten zur Legende erhoben.
Was verdrängt wird: Die psychische Dynamik hinter dem Wunsch nach Grenzüberschreitung. Die Sucht nach Dopamin. Die emotionale Taubheit, die viele Extremsportler/innen beschreiben, wenn sie nicht in Bewegung sind. Der Druck, sich über neue Rekorde zu definieren. Und die Frage, ob das alles wirklich so frei gewählt ist, wie es scheint.
Zwischen Faszination und Verantwortung
Ich bin absolut dafür, dass Menschen ihrer Leidenschaft frönen. Aber ich finde, es braucht eine differenziertere Debatte über das, was hinter dem vermeintlichen Mut steht:
- Was genau meinen Menschen, wenn sie sagen, sie fühlen sich nur im Risiko lebendig?
- Welche Rolle spielt unser Nervensystem in dieser Suche nach Intensität?
- Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn Menschen sich selbst an ihre Grenzen treiben müssen, um Bedeutung zu empfinden?
Vielleicht wäre es ein Anfang, die Heldenmythen zu hinterfragen und Extremsport nicht nur als individuelle Entscheidung, sondern als kulturelles Symptom zu betrachten. Denn wer sich nur im Ausnahmezustand spürt, hat im Normalzustand vielleicht etwas verloren, das nicht durch Höhenmeter zu ersetzen ist.



